
Einige der schönsten Plätze dieser Erde sind, auch zu Beginn des 21.Jahrhunderts, noch nicht auf asphaltierten Straßen erreichbar. Das ist auch gut so, denn mit dem Asphalt zieht oft der Massentourismus ein, mit ihm wachsen die Hotelburgen in den Himmel und aus dem idyllischen Traumstrand wird ein Ballermanntreff. Würg!
Bevor ich auf Schotterstraßen näher eingehe, will ich Euch die Geschichte eines sparsamen Schotten erzählen, der die Meinung vertrat, man brauche weder Beton noch Pflastersteine, um eine tragfähige, feste Straße zu bauen. Das Prinzip war einfach und genial: Zu feinem Schotter zerkleinertes Gestein wurde auf einen Untergrund aus grobem Schotter aufgebracht und die dazwischen verbleibenden Spalten und Ritzen mit dem bei der Zerkleinerung entstandenen Steinstaub ausgefüllt. Dieser Staub wurde mit Wasser eingeschwemmt, sodaß nach dem Durchtrocknen und festwalzen eine stabile, tragfähige Fahrbahn entstand. Die Erfindung revolutionierte und verbilligte den Straßenbau enorm, und zu Ehren dieses Mannes - John Loudon McAdam (1756-1836) - kennt man Schotterstraßen überall auf der Welt auch als "Makadam-Straßen". (Wenn man Wasser und Steinstaub durch Teer ersetzt, erhält man im Prinzip eine Asphaltstraße; MacAdams Erfindung ist also die Grundlage für den Großteil unserer heutigen Straßen, sofern es sich nicht um Betonpisten oder Straßenpflaster handelt.)
Eine gute Makadam-Straße ist in Haltbarkeit (und Fahrkomfort, sofern man die richtigen Reifen hat) einer Asphaltstraße ebenbürtig. Die Betonung liegt auf "gute". Solche trifft man aber leider recht selten an. "Gut" bedeutet u.a., daß die Straße eine ausreichende Wölbung aufweist und fest genug gewalzt ist, daß Regenwasser schneller von der Oberfläche abrinnen kann als es den Belag aufweichen oder auswaschen könnte. Ist das nicht der Fall, entstehen Löcher, Rillen, bisweilen regelrechte Krater, die Federung und Reifen auf eine harte Probe stellen.
Oberstes Gebot auf Schotterstraßen ist deshalb: Langsam und vorausschauend fahren. 98% aller Schlaglöcher könnt Ihr ausweichen, wenn Ihr das beherzigt. (Zumindest mit einiger Übung, aber die kommt mit der Zeit.)
Eine Besonderheit auf Schotterstraßen ist auch das sogenannte "Wellblech". Ihr werdet wissen, was gemeint ist, wenn Ihr das erste Mal damit konfrontiert seid: Die gesamte Fahrbahn (oder auch nur die häufiger befahrenen Spuren) sehen aus, als hätte jemand Wellblech-Bahnen quer zur Fahrtrichtung am Boden verlegt - und so spürt sich das auch an.
Wellblech entsteht durch einen interessanten, physikalischen Effekt: Wenn ein Rad durch eine Mulde rollt, so springt es dahinter etwas in die Höhe, um von der Federung ein Stück entfernt wieder fest gegen den Boden gedrückt zu werden. Genau an dieser Stelle entsteht durch Druck und Reibung wieder eine kleine Mulde: Aus einem Loch im Boden wird eine ganze Serie von Löchern, aus einer Querrille eine Serie von Rillen - eben dieses Wellblech. Je stärker eine Straße befahren ist, desto schneller geht dieser Prozeß voran.
Auf Wellblech-Straßen gibt es im Prinzip nur zwei "erträgliche" Fahrweisen: Schrittempo (wobei die Räder durch jede einzelne Mulde oder Rille möglichst sanft hindurchrollen) oder Gas! (Wenn man schnell genug ist, folgen die einzelnen Wellen rascher aufeinander als die Federung des Autos reagieren kann - genaugenommen "fliegt" man über die Mulden, und die Räder berühren nur an den Kuppen dazwischen den Boden. Der Haken dabei ist nur, auf diese Geschwindigkeit zu kommen. Wenn man vom Schrittempo hinaufbeschleunigt, sollte man sicher sein, daß alle Plomben gut in den Zähnen sitzen. Vom Gepäck in den Kästen ganz zu schweigen.)
Eins sei gleich noch dazugesagt: Radialreifen sind dafür gedacht, sich auf Asphaltstraßen bei hohen Geschwindigkeiten möglichst wenig zu verformen, um möglichst wenig Reibungswärme zu entwickeln und sich in Kurven nicht seitlich zu verformen. Auf Makadamstraßen ist diese Festigkeit ein Nachteil. Ja, man kann sie bei Fahrten auf Schotter um ein paar Zehntel Bar weniger aufpumpen, damit sie weicher sind. Das bezahlt man allerdings mit einem sehr hohen Verschleiß, und unter Umständen können die im Reifen eingelassenen Stahlfäden brechen.
Für längere, ausgiebige Fahrten auf Schotter würde ich vorbehaltlos Diagonalreifen (ja, es gibt sie noch bei speziellen Oldtimer-Reifenhändlern) empfehlen. Wer einmal die selbe Schotterstraße mit Stahlgürtelreifen und mit Diagonalreifen gefahren ist, weiß, was ich mit höherem Fahrkomfort meine.