Montenegro 2004: Von der Küste zum Durmitor.


5. Tag (Mittwoch, 1.9.2004) - Reise-km. 1287 - 1357


Hundebesitzer für einen Vormittag...

Während ich mich der Bordelektrik widme, gehen Romy und Martin - gefolgt von einem (offensichtlich herrenlosen) Hundewelpen zum Strand. Martin bäckt Sandkuchen, und der Hund döst im Schatten unseres Sonnenschirms.
Der Campingplatz ist mit 6,50 € für alles zusammen wesentlich billiger als erwartet - eine kleine Entschädigung für die Spritpreise, die (entgegen den Angaben auf der ÖAMTC-Homepage) genauso hoch sind wie in Österreich.

An diesem Tag fahren wir nicht weit: Kurz vor Bar parken wir über einer kleinen, felsumrahmten Bucht im Schatten des einzigen Baumes weit und breit. Nach dem Mittagessen will Martin zunächst schlafen, schläft aber dann doch nicht ein. Stattdessen gehen wir an den Strand. Mit Flossen und Schnorchel erkunden wir die Bucht, wo es zwar hübsche Unterwasserformationen, aber kaum Bewuchs und Fische gibt - also eher wenig lohnend.


Malerisch liegen die Mauerreste von Stari Bar hoch über der Küste.

Am späten Nachmittag besichtigen wir Stari Bar, eine pittoreske Ruinenstadt, die nach einem Erdbeben von ihren Bewohnern verlassen wurde. Zwischen den verfallenen Steinhäusern, die laut Reiseführer aus türkischer, byzantinischer, venezianischer und serbischer Zeit stammen, wachsen Wildblumen; die schon tief stehende Sonne taucht alles in ein warmes, malerisches Licht. Vier einheimische Kinder sind von unserem Bulli völlig begeistert.


Die Natur hat die Mauern stellenweise schon fast überwuchert.

In der Dämmerung fahren wir zurück nach Budva, wo wir zuerst einen Campingplatz suchen und dann abendessen gehen. Der gefüllte Tintenfisch ist ausgezeichnet, wenn auch das Lokal für montenegrinische Verhältnisse sehr teuer ist - Kunststück, wir befinden uns im bekanntesten Badeort des Landes. Als wir auf den Campingplatz fahren, ist die Rezeption schon geschlossen, und wir nehmen uns vor, morgen zu bezahlen.

6. Tag (Donnerstag, 2.9.2004) - Reise-km. 1357 - 1522

Martin weckt uns früh, und weil wir nicht mehr einschlafen können, wollen wir die Zeit nützen und gleich losfahren. Es ist halb acht - und da wir keine Lust haben, eine halbe Stunde bis zur Öffnungszeit der Rezeption zu warten, fahren wir ausnahmsweise einmal, ohne zu zahlen.

An der Paßstraße von Petrovac nach Podgorica finden wir einen Rastplatz, der durch eine Hecke von der Straße getrennt ist und deshalb ein angenehmes Frühstück ermöglicht. Weil reinigen unser schlechtes Gewissen, indem wir den hier herumliegenden Müll zusammensammeln und in einem Sack verpackt an den Straßenrand stellen.


Wie Eilande im Meer liegen die Inselchen im Skutari-See zu unseren Füßen.

Wir erreichen den Skutari-See (Skadarsko Jezero) bei Virpazar und nehmen eine abenteuerliche Straße entlang des Sees, in der Hoffnung, hier einen Badeplatz zu finden. Doch die Straße entfernt sich immer weiter vom Ufer und windet sich entlang des Steilhanges immer höher hinauf. Vor jeder Kurve drücken wir auf die Hupe, um entgegenkommende Autos zu warnen. Einmal müssen wir zurückschieben, weil uns ein Bus entgegenkommt. In den Kurven ragt das Heck des Linienbusses einige Meter über den Abgrund hinaus. Busfahrer in Montenegro zu sein muß ein ganz besonderer Thrill sein!


Die Felshänge, über die sich die Straße windet, fallen fast senkrecht zum Skutari-See ab.

Der riesige, zum Teil in Albanien gelegene See mit den steil abfallenden Felswänden und vorgelagerten Inseln sieht aus wie ein kleines Meer - nur ohne Wellen. Nach dem traumhaften Ausflug machen wir in einem kleinen Steinbruch an der Straßenkreuzung mit der Sutorman-Paßstraße Mittagsrast, dann fahren wir weiter nach Titograd... - pardon: Podgorica. Aber so ganz sicher scheint man sich hier nicht zu sein, wie man die Stadt nennen will: Auf auffallend vielen Wegweisern steht noch der neue, alte, Name.


Martin gefällt am besten das winzige Glöckchen des Marterls beim Parkplatz.

Unser nächstes Ziel ist das nahe Nikšic in rund 700 m Höhe gelegene Kloster Ostrog. Wir fahren bis zu einem Hospiz, 300 Höhenmeter unter dem eigentlichen Kloster, wo wir parken. Dann machen wir uns an den Aufstieg. Außer uns sind keine weiteren Touristen hier, sondern Gläubige, von denen manche sogar barfuß zu dem dicht an die Felsen geschmiegten Kloster hinaufsteigen.


Das Kloster Ostrog ist direkt in die überhängende Felswand gebaut.

Bei einem der Standln vor dem Kloster kauft Romy zwei kleine Holzkreuze und geknüpfte Armbänder mit Kreuz. Der Verkäufer, ein junger Bursch, ist sichtlich überrascht und erfreut über ihre Sprachkenntnisse. "Sie spricht Serbisch!" ruft er zu dem Verkäufer am Standl daneben hinüber. Serbisch? Für Romy war das, was sie von ihrer Mutter gelernt hatte, immer "Krowodisch" - und während des Krieges hatte sie als Journalistin in Zadar fast ausschließlich mit Kroaten zu tun gehabt, für die die Serben Feinde - und Serbien und Montenegro eine Bürde waren, die sie lieber heute als morgen los gehabt hätten.
Die Pilger werden nach der Reihe zu einem Sarg, in dem sich offensichtlich Reliquien befinden, vorgelassen. Ein Mann vor uns, ungefähr in unserem Alter, bittet den danebensitzenden Priester, ihm eine Stelle aus der Bibel vorzulesen, und dieser tut es mit typischer Singsang-Stumme.


"Das habe ich selber angezündet."

Martin zündet selbst eine Kerze an, dann machen wir uns an den Abstieg. Als wir zum Bulli zurückkommen, ist es schon fast finster und zwischen uns und Nikšic liegt noch eine lange, kurvenreiche, zum Teil geschotterte Straße. Also beschließen wir, gleich hier zu übernachten - und hängen "sicherheitshalber" eines der winzigen Holzkreuze an den Rückspiegel.

7. Tag (Freitag, 3.9.2004) - Reise-km. 1522 - 1684

Bevor wir weiterfahren, bekommt der Bulli ein größeres Holzkreuz für den Rückspiegel. Ich beschließe, die alte Straße nach Nikšic zu nehmen. Wie überall in diesem Land stehen auch hier immer wieder kleine Kreuze zum Andenken an mit dem Auto Verunglückte am Straßenrand. Auf traurige Weise originell ist eine mit Lenkrad und Kennzeichnen "geschmückte" Gedenktafel.


Hier ruht BG-6522. Viel scheint nicht übriggeblieben zu sein.


Einige Zeit lang zuckeln wir hinter einer Ziegenherde her, deren Hirte hinterher schlendert - und dabei mit dem Handy telefoniert. In Nikšic trennen wir uns kurzfristig: Ich erkunde den lokalen Markt und ergänze dort unsere Lebensmittelvorräte, während Romy mit Martin auf einem Spielplatz - den ersten in Montenegro, uralt und mit zum Teil kaputten Geräten - bleibt. Überhaupt scheint in vielen Städten Montenegros die Zeit 1990 stehengeblieben zu sein.


Der Stausee am Oberlauf der Piva gehört zu den landschaftlich beeindruckendsten Seen Montenegros.

Weiter geht es am Pivsko Jezero (ein Stausee, wie die meisten Seen in Montenegro, aber ungeachtet dessen ein malerischer Anblick) und dann die Piva entlang. Wir passieren 56 Tunnels, bis wir kurz vor der Grenze zu Bosnien zu einer Wasserstelle mit dem friedvollen Namen "Oasa Mira" kommen, wo wir Wasser bunkern. Offensichtlich bewältigen nicht alle Autos die kurvenreiche Stecke erfolgreich, da immer wieder "Avto Šlep" samt Telefonnummer auf die Felswand gepinselt ist.


Einer von 56 Tunnels. Keine Ahnung, welcher.


Auf der Hinfahrt hat Martin geschlafen, aber auf dem Weg zurück bis zur Straße hinauf nach Trsa ins Durmitor-Gebirge fahren wir noch einmal durch die Tunnels. Martin liebt Tunnels - und stimmt jedes Mal ein Freudengeschrei an, wenn der Bulli in einem dunklen Loch verschwindet. Der Asphalt endet in 1500m Höhe, und wir nehmen die alte Schotterpiste durch den Nationalpark hinüber nach Zabljak.


Ö3-Verkehrsfunk: "Auf der Straße von Trsa nach Zabljak wurde uns Stau gemeldet. Bitte weichen Sie großräumig aus!"

Die uns zugewandte Seite des Durmitor-Massivs hat einen idyllischen Charakter: eine sanft ansteigende Hochfläche, da eine kleine Kirche, dort ein paar verstreut liegende Häuser, dazwischen grast eine Schafherde im Licht der untergehenden Sonne. Die Sonne verschwindet hinter den schroffer werdenden Bergen, Nebel ziehen auf. Wir parken den Bulli in einer Senke auf 1.781 Meter (laut Angabe unseres GPS). Hier, in der völligen Ruhe und Einsamkeit der Berge, gehen wir schlafen.


Einsamkeit. Berge. Natur. Landschaft. Bulli!

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