
Während ich mich der Bordelektrik widme, gehen Romy und
Martin - gefolgt von einem (offensichtlich herrenlosen) Hundewelpen zum Strand.
Martin bäckt Sandkuchen, und der Hund döst im Schatten unseres Sonnenschirms.
Der Campingplatz ist mit 6,50 € für alles zusammen wesentlich billiger
als erwartet - eine kleine Entschädigung für die Spritpreise, die
(entgegen den Angaben auf der ÖAMTC-Homepage) genauso hoch sind wie in
Österreich.

An diesem Tag fahren wir nicht weit: Kurz vor Bar parken wir über einer kleinen, felsumrahmten Bucht im Schatten des einzigen Baumes weit und breit. Nach dem Mittagessen will Martin zunächst schlafen, schläft aber dann doch nicht ein. Stattdessen gehen wir an den Strand. Mit Flossen und Schnorchel erkunden wir die Bucht, wo es zwar hübsche Unterwasserformationen, aber kaum Bewuchs und Fische gibt - also eher wenig lohnend.

Am späten Nachmittag besichtigen wir Stari Bar, eine pittoreske Ruinenstadt, die nach einem Erdbeben von ihren Bewohnern verlassen wurde. Zwischen den verfallenen Steinhäusern, die laut Reiseführer aus türkischer, byzantinischer, venezianischer und serbischer Zeit stammen, wachsen Wildblumen; die schon tief stehende Sonne taucht alles in ein warmes, malerisches Licht. Vier einheimische Kinder sind von unserem Bulli völlig begeistert.

In der Dämmerung fahren wir zurück nach Budva, wo wir zuerst einen Campingplatz suchen und dann abendessen gehen. Der gefüllte Tintenfisch ist ausgezeichnet, wenn auch das Lokal für montenegrinische Verhältnisse sehr teuer ist - Kunststück, wir befinden uns im bekanntesten Badeort des Landes. Als wir auf den Campingplatz fahren, ist die Rezeption schon geschlossen, und wir nehmen uns vor, morgen zu bezahlen.
Martin weckt uns früh, und weil wir nicht mehr einschlafen können, wollen wir die Zeit nützen und gleich losfahren. Es ist halb acht - und da wir keine Lust haben, eine halbe Stunde bis zur Öffnungszeit der Rezeption zu warten, fahren wir ausnahmsweise einmal, ohne zu zahlen.

An der Paßstraße von Petrovac nach Podgorica finden wir einen Rastplatz, der durch eine Hecke von der Straße getrennt ist und deshalb ein angenehmes Frühstück ermöglicht. Weil reinigen unser schlechtes Gewissen, indem wir den hier herumliegenden Müll zusammensammeln und in einem Sack verpackt an den Straßenrand stellen.

Wir erreichen den Skutari-See (Skadarsko Jezero) bei Virpazar und nehmen eine abenteuerliche Straße entlang des Sees, in der Hoffnung, hier einen Badeplatz zu finden. Doch die Straße entfernt sich immer weiter vom Ufer und windet sich entlang des Steilhanges immer höher hinauf. Vor jeder Kurve drücken wir auf die Hupe, um entgegenkommende Autos zu warnen. Einmal müssen wir zurückschieben, weil uns ein Bus entgegenkommt. In den Kurven ragt das Heck des Linienbusses einige Meter über den Abgrund hinaus. Busfahrer in Montenegro zu sein muß ein ganz besonderer Thrill sein!

Der riesige, zum Teil in Albanien gelegene See mit den steil
abfallenden Felswänden und vorgelagerten Inseln sieht aus wie ein kleines
Meer - nur ohne Wellen. Nach dem traumhaften Ausflug machen wir in einem kleinen
Steinbruch an der Straßenkreuzung mit der Sutorman-Paßstraße
Mittagsrast, dann fahren wir weiter nach Titograd... - pardon: Podgorica. Aber
so ganz sicher scheint man sich hier nicht zu sein, wie man die Stadt nennen
will: Auf auffallend vielen Wegweisern steht noch der neue, alte, Name.

Unser nächstes Ziel ist das nahe Nikic in rund 700 m Höhe gelegene Kloster Ostrog. Wir fahren bis zu einem Hospiz, 300 Höhenmeter unter dem eigentlichen Kloster, wo wir parken. Dann machen wir uns an den Aufstieg. Außer uns sind keine weiteren Touristen hier, sondern Gläubige, von denen manche sogar barfuß zu dem dicht an die Felsen geschmiegten Kloster hinaufsteigen.

Bei einem der Standln vor dem Kloster kauft Romy zwei kleine
Holzkreuze und geknüpfte Armbänder mit Kreuz. Der Verkäufer,
ein junger Bursch, ist sichtlich überrascht und erfreut über ihre
Sprachkenntnisse. "Sie spricht Serbisch!" ruft er zu dem Verkäufer
am Standl daneben hinüber. Serbisch? Für Romy war das, was sie von
ihrer Mutter gelernt hatte, immer "Krowodisch" - und während
des Krieges hatte sie als Journalistin in Zadar fast ausschließlich mit
Kroaten zu tun gehabt, für die die Serben Feinde - und Serbien und Montenegro
eine Bürde waren, die sie lieber heute als morgen los gehabt hätten.
Die Pilger werden nach der Reihe zu einem Sarg, in dem sich offensichtlich Reliquien
befinden, vorgelassen. Ein Mann vor uns, ungefähr in unserem Alter, bittet
den danebensitzenden Priester, ihm eine Stelle aus der Bibel vorzulesen, und
dieser tut es mit typischer Singsang-Stumme.

Martin zündet selbst eine Kerze an, dann machen wir uns an den Abstieg. Als wir zum Bulli zurückkommen, ist es schon fast finster und zwischen uns und Nikic liegt noch eine lange, kurvenreiche, zum Teil geschotterte Straße. Also beschließen wir, gleich hier zu übernachten - und hängen "sicherheitshalber" eines der winzigen Holzkreuze an den Rückspiegel.

Bevor wir weiterfahren, bekommt der Bulli ein größeres Holzkreuz für den Rückspiegel. Ich beschließe, die alte Straße nach Nikic zu nehmen. Wie überall in diesem Land stehen auch hier immer wieder kleine Kreuze zum Andenken an mit dem Auto Verunglückte am Straßenrand. Auf traurige Weise originell ist eine mit Lenkrad und Kennzeichnen "geschmückte" Gedenktafel.

Einige Zeit lang zuckeln wir hinter einer Ziegenherde her, deren Hirte hinterher
schlendert - und dabei mit dem Handy telefoniert. In Nikic trennen wir
uns kurzfristig: Ich erkunde den lokalen Markt und ergänze dort unsere
Lebensmittelvorräte, während Romy mit Martin auf einem Spielplatz
- den ersten in Montenegro, uralt und mit zum Teil kaputten Geräten - bleibt.
Überhaupt scheint in vielen Städten Montenegros die Zeit 1990 stehengeblieben
zu sein.

Weiter geht es am Pivsko Jezero (ein Stausee, wie die meisten
Seen in Montenegro, aber ungeachtet dessen ein malerischer Anblick) und dann
die Piva entlang. Wir passieren 56 Tunnels, bis wir kurz vor der Grenze zu Bosnien
zu einer Wasserstelle mit dem friedvollen Namen "Oasa Mira" kommen,
wo wir Wasser bunkern. Offensichtlich bewältigen nicht alle Autos die kurvenreiche
Stecke erfolgreich, da immer wieder "Avto lep" samt Telefonnummer
auf die Felswand gepinselt ist.

Auf der Hinfahrt hat Martin geschlafen, aber auf dem Weg zurück bis zur
Straße hinauf nach Trsa ins Durmitor-Gebirge fahren wir noch einmal durch
die Tunnels. Martin liebt Tunnels - und stimmt jedes Mal ein Freudengeschrei
an, wenn der Bulli in einem dunklen Loch verschwindet. Der Asphalt endet in
1500m Höhe, und wir nehmen die alte Schotterpiste durch den Nationalpark
hinüber nach Zabljak.

Die uns zugewandte Seite des Durmitor-Massivs hat einen idyllischen Charakter: eine sanft ansteigende Hochfläche, da eine kleine Kirche, dort ein paar verstreut liegende Häuser, dazwischen grast eine Schafherde im Licht der untergehenden Sonne. Die Sonne verschwindet hinter den schroffer werdenden Bergen, Nebel ziehen auf. Wir parken den Bulli in einer Senke auf 1.781 Meter (laut Angabe unseres GPS). Hier, in der völligen Ruhe und Einsamkeit der Berge, gehen wir schlafen.
