Als wir im Frühjahr unseren heurigen Urlaub planten, hatten wir Montenegro als Reiseziel ins Auge gefaßt. Das Attentat auf den Präsidenten von Serbien-Montenegro, gefolgt von der Verhängung des (inzwischen wieder aufgehobenen) Ausnahmezustandes, ließen uns dieses Ziel doch als zu unsicher erscheinen, vor allem, wenn man mit einem noch nicht ganz zweijährigen Kind unterwegs ist.
Folglich fiel unsere Wahl auf Griechenland. Zuletzt war ich vor 12 Jahren, 1991, mit dem Bus dort gewesen, und sicher hatte sich vieles seither geändert. Vor der Abreise holten wir uns ein paar Tips von Rudi und Erika, zwei alten Bekannten von mir und seit vielen Jahren "Griechenland-Spezialisten". Auch im Internet recherchierten wir einige aktuelle Informationen, und so entstand bereits vor der Abreise ein grober Zeitplan und eine ungefähre Festlegung der Reiseroute.
Für die Anreise kam eigentlich nur eine Route in Frage: Die Fährverbindung Venedig - Patras, wobei wir die Passage auf der "Blue Horizon" der Blue Star Ferries buchten.
Wegen der Straßensperren aufgrund des Vienna City Marathon haben wir uns entschlossen, erst am Sonntag Nachmittag von zuhause aufzubrechen. Um 15 Uhr geht es - nach den obligatorischen Abschiedsfotos bei meiner Mutter - los. Das strahlende Wetter stimmt uns schon auf unser Reiseziel ein. Wir wählen die B16 für die Ausfahrt aus Wien und rollen gemütlich über Ebreichsdorf Richtung Wiener Neustadt. 30 Grad im Schatten, etwas schwül... - über dem Bergland im Westen brauen sich Wolken zusammen, aber vom Gewitter bekommen wir nichts ab.
In Gloggnitz gibt es - Benzin ist hier um ein paar Cent billiger als in Wien - noch einen Tankstop, dann geht es weiter zum Semmering. Vor Schottwien nehmen wir die Abzweigung rechts und fahren durch die Adlitzgräben - landschaftlich sehr schön und lohnenswert; wer die Schnellstraße über den Semmering fährt, versäumt viel! - hinauf zur Paßhöhe. Kurz vor dem Ort Semmering bietet sich ein Blick hinunter auf den Bahnhof, wo gerade - das Herz des Eisenbahnfreundes schlägt höher - ein Nostalgiezug bespannt mit einer grünen 1020er-Lok steht. Für ein Foto ist er zu weit weg, also gleich weiter hinüber über den Paß in die Steiermark.
Die Steirer sind sehr genaue Menschen, wie ich auf der Semmering-Westrampe immer wieder schmunzelnd feststellen muß: Geschwindigkeitsbeschränkungen und Überholverbote sind auf den Meter genau angegeben. Schon bald verlassen wir die Schnellstraße wieder und nehmen die Nebenstraße über den Pfaffensattel. Hier begegnen uns mehr Motorräder als Autos, kein Wunder wegen der schönen Kurven und Kehren.
Steil bergab geht es ins Feistritztal, über Ratten, Birkfeld, Weiz Richtung Graz. Der Stadtverkehr in der Kulturhauptstadt Europas kostet uns mindestens eine halbe Stunde (Maria Trost - Hauptbahnhof - Ausfahrtsstraße Richtung Köflach). Hier - wie überall in der Steiermark - sieht man auffallend viele tiefergelegte, übermotorisierte Autos, GTIs mit Heckspoilern, röhrenden Auspufftöpfen und Rallyeausstattung. Sie alle haben offenbar ein schweres psychisches Problem, wenn sie hinter einem alten Bulli herfahren müssen, weshalb ich ständig mit zu geringem Sicherheitsabstand überholt werde. Na ja, jedem das seine.
Bei einer hübschen kleinen Kapelle kurz vor Voitsberg machen wir Rast, dann geht es weiter Richtung Packsattel. Kaum noch Autoverkehr - hier rollt wirklich alles über die Autobahn - , langsam wird es dämmrig und wir suchen einen Schlafplatz. Auf einem kleinen Waldweg werden wir fündig. Wir stehen ca. 25 Meter von der Straße entfernt, und die Nacht verläuft sehr ruhig, wenn auch - kein Wunder in 1200m Höhe - etwas frostig.
Gerade als die Sonne über die Wipfel der Bäume steigt, um 9h vormittags, setzen wir unsere Reise, erholt und vom Frühstück gesättigt, fort. Die Straße hinunter ins Tal ist steil und kurvenreich, wir biegen auf der B78 bei Twimberg nach Norden ab, fahren unter der beeindruckenden Autobahnbrücke durch und gleich wieder links auf die Nebenstraße übers Klippitztörl.
Dort angekommen (1.680 m Seehöhe) machen wir erst mal Rast. Martin pritschelt an einem Laufbrunnen herum, füllt Wasser und Steine in einen kleinen Becher und leert diese in den Kanal. Wir packen inzwischen den Rucksack für eine kleine Wanderung, die aber schließlich über 2 ½ Stunden dauern soll. Unser Ziel ist der Geierkogel (1.917 m). Der Weg dorthin ist sehr schön, gemütlich geht es sanft bergan, am Gipfel vorbei zu einem Sattel, wo der Weg 180° zurück, jetzt steil bergauf, auf eine kahle Hochfläche führt. Hier liegen abstrakt Felsbrocken herum. Am Gipfelkreuz beschäftigt sich Martin mit Begeisterung damit, Steine durch die Kettenglieder der Verspannung des Kreuzes zu werfen, während wir Ausblick und Fauna (noch nie soviel Enzian auf einen Fleck gesehene!) bewundern. Aber leider ziehen im Norden immer mehr schwarze Wolken auf und es donnert bedrohlich. Wir beeilen uns, zum Bus zurück zu kommen, wobei das Wetter wieder besser wird. Martin schläft in der Rückentrage ein und verpaßt unser Mittagessen. Erst als wir schon fertig sind, wacht er auf. Ein uriges Kärntner "Original " (er hat mit seinem dichten Bart und zerfurchtem Gesicht große Ähnlichkeit mit der Wasserspeierfigur am Brunnen) heißt uns "Willkommen in Kärnten" und bewundert unseren Bus.
Wandertip Geierkogel:Vom Parkplatz am Klippitztörl ausgehend ist die Runde in ca. zweieinhalb
bis drei Stunden leicht zu bewältigen. (Auf
http://www.austrianmap.at/tp.asp?s=0|102144|200551|0 kann man die
Strecke sehr gut zu erkennen.) Man folgt der Wegmarkierung, das erste
Stück, an einem Sender vorbei, eher steil, dann ziemlich gemächlich
bergauf. Zusätzlich zur rot-weiß-roten Markierung sind auch
Fallweise Holzwegweiser "Geierkogel-Runde" aufgestellt.
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Wir fahren schließlich über Feldkirchen, wo wir beim "Hofer" noch mal unsere Vorräte ergänzen, und Villach nach Italien. Die Fahrt durchs Kanaltal auf der Bundesstraße ist ein absolutes Negativerlebnis. Gut ausgebaut, aber die Ruinen der alten Straße, der alten Bahnlinie und die häßlich das Tal durchschneidenden Trassen der Autobahn und der neuen Bahn, verbunden mit endlosen Schotterwüsten am Talgrund hinterlassen den Eindruck völlig zerstörter Natur. Wir sind froh, die SS13 zu verlassen und fahren durch die endlose Weite der Tiefebene Venedig entgegen. Nach einer Rast auf einem Feldweg, (Martin hat ein neues Spiel entdeckt: Er füllt mit Begeisterung Steine in den Spalt zwischen Karosserie und Stoßstange, wo sie steckenbleiben und im Lauf der nächsten Kilometer bei jeder Bodenwelle scheppern) , geht es weiter.
Je näher wir Venedig kommen, desto weniger bietet sich ein Schlafplatz an. Also schlage ich vor, gleich bis Mestre weiter zu fahren und in der Seitengasse beim Bahnhof zu übernachten, wo ich früher bei Venedig-Reisen geparkt habe. Gegen 22:30 Uhr sind wir dort, müssen aber feststellen, daß in dieser Straße mittlerweile der Straßenstrich von Mestre beheimatet ist. Wir fahren noch ein Stück weiter und parken in einer ruhigen Seitenstraße genau gegenüber der hiesigen VW-Niederlassung. Jaja, VW- und Audi-Fahrer haben´s gut! ;-)
Nachdem Martin während der Fahrt geschlafen hat, ist er jetzt putzmunter. Schließlich schlafen wir doch noch - geplagt von Hitze und zwei Gelsen - gegen Mitternacht ein.
Gegen Früh wird es in dieser Straße ziemlich laut, weshalb wir zum Frühstück in eine noch abgelegenere Seitenstraße im Industriegebiet ausweichen und unter einer riesigen Pappel parken. Dann fahren wir nach Venedig zum Fährterminal. Noch bevor wir einchecken treffen wir eine deutsche Familie mit T3 und drei Kindern (allerdings in einem Bus mit Hochdach). Wir holen uns die Tickets ab. Am Rückweg werde ich von einer Interviewerin angesprochen, beantworte ein paar Fragen (wieviel Geld wir schon in Italien ausgegeben haben und wie sympathisch wir Land und Leute finden u.s.w.) und erfahre nebenbei, daß es einen Gratis-Shuttlebus zur Piazzale Roma gibt. Wir packten den Rucksack für einen Staatbummel, dann fahren wir mit dem Shuttle in die Stadt. Martin ist hellauf begeistert, auch wenn er alle Boote als Auto (dieses Wort kennt er schon) benennt. Wir gehen von der Piazzale Roma vorbei an der Brücke, wo wir bei unserer Hochzeitsreise Fotos gemacht haben, zur Ponte Academia, weiter zur Piazza Manin, wo wir Martin mit dem geflügelten Löwen fotografieren, und nach San Marco wo er, wie jedes Kind, die Tauben füttert (mit dem Müsliriegel, den wir ihm gegeben haben, weil er schon etwas unruhig wurde.)
Tip Venedig:Für Passagiere der Fähren ab Venedig gibt es einen Shuttlebus zur Piazzale Roma (Busbahnhof), der an der Schmalseite des Terminals seine Abfahrtsstelle hat. (Kleinbus mit Aufschrift "Brusutti"). Unter Umständen wird man nach dem Fährticket gefragt, da es sich um einen Gratis-Service für die Schiffspassagiere handelt. Zur Sicherheit mit dem Fahrer einen Termin für die Rückfahrt zum Schiff vereinbaren. Zu Fuß braucht man für die Strecke eine gute halbe Stunde! |
Obwohl wir fest überzeugt sind, er würde in der Trage einschlafen, bleibt er standhaft wach. Wir essen in der Pizzeria di Bari zu Mittag. Martin erobert wieder alle Herzen, und um 15:00 Uhr bringt uns der Shuttlebus - nachdem wir die letzten Minuten im Park bei der Piazzale Roma am Spielplatz und beim Goldfischteich verbracht haben - zum Schiff.
Die Deutschen mit den Kindern sind nicht mehr da, sie haben um 15h offenbar die Fähre der Minoan Lines genommen. Wir fahren nach einer Stunde Wartezeit aufs Schiff, wo wir mit viel Glück einem Fensterplatz bekommen. Nachdem wir uns eingeparkt, den Bus aufgeräumt und mit unseren Nachbarn - Deutschen mit einem dreijährigen Buben - Bekanntschaft geschlossen haben, machen wir einen Schiffsrundgang. Martin ist schon sehr müde und quängelt, dennoch räumt er in der Kinderecke (die auf diesem Schiff enttäuschenderweise nur aus einem Fernseher mit Kindersesseln besteht) dreimal die Sessel hin und her, mit größten Eifer bei der Sache. Als wir beim Ablegemanöver an Deck stehen, kriegt er einen Weinanfall, (vermutlich irritiert es ihn zu sehr, daß sich das Land plötzlich von uns entfernt), weshalb wir ihn trösten und unter Deck gehen. Als wir dann die Stadt vor dem Fenster vorbei ziehen sehen, schläft er erschöpft ein. Wir genießen das Panorama von Venedig im Abendlicht. Nachdem das Schiff bei Punta Sabbioni die Lagune von Venedig verlassen hat, duschen wir noch, stellen die Uhren auf griechische Zeit um und gehen dann nach dieser um ca. 23:00 Uhr schlafen.
Wir verbringen den ganzen Tag auf an Bord der "Blue Horizon" und ärgern uns abermals über den Kinderspielraum, der hier großspurig als "Baby World" angeschrieben ist, doch Martin und einige Kinder von Mitreisenden machen das Beste daraus, bauen eine Eisenbahn aus den Sesseln und spielen mit dem Ball, den wir mitgenommen haben. Den ganzen Tag über sieht man nur Wasser, erst gegen Abend kommt wieder Land in Sicht. Wir fahren durch die Straße von Otranto, man sieht sowohl auf der italienischen als auch auf der albanischen Seite die Berge. Als es schon dunkel wird, legen wir in Igoumenitsa an, dann fährt die Fähre weiter nach Korfu. Das Wetter ist den ganzen Tag über kühl und stürmisch, sodaß wird von dem Swimmingpool an Bord keinen Gebrauch machen - ein ziemlicher Gegensatz zur drückenden Hitze in Norditalien.